+++ EUROPALETTE - DIE HERBSTLESEREIHE DER STADTBÜCHEREI +++ HIER ZUM PROGRAMM +++

Clemens Meyer: Stäube

Nichts ist geheimnisvoller für uns Menschen, als unter die Erdoberfläche zu schauen: Die Höhlen, die Bergwerke, die Abraume - alles eine verwunschene Landschaft, die die Phantasie bewegt. Aber nicht selten können solche Sehnsuchtsorte auch mit viel Schmerz, mit Verlust und mit Beschädigungen der menschlichen Würde verbunden sein. Wie in seinen Romanen beschreibt Clemens Meyer die großen Umwälzungen der Geschichte im Kleinen, Persönlichen und positioniert sich mit seinem existentiellen Schreiben gegen Wohlfühlliteratur. Auch wenn Orte nur in Buchstaben angedeutet werden, schimmern mitteldeutsche Landschaften durch, genauer gesagt, die ehemaligen Tagebaulandschaften.

Aufgewachsen ist Clemens Meyer im Leipziger Osten. Hier lebte er als Kind, hier begann er zu schreiben, hier arbeitet er bis heute. Was vor seinem Fenster oder auf Zugreisen geschieht, das prägt ihn. Für sein Werk erhielt Clemens Meyer zahlreiche Preise, darunter den Preis der Leipziger Buchmesse. „Im Stein“ stand auf der Shortlist für den Deutschen Buchpreis, wurde mit dem Bremer Literaturpreis ausgezeichnet und für den Man Booker International Prize 2017 nominiert.

Ferdinand Schmalz: Mein Lieblingstier heißt Winter

Der Debütroman des Bachmann-Preisträgers Ferdinand Schmalz - nominiert für den Deutschen und den Österreichischen Buchpreis 2021 – ist eine abgründige Tour quer durch die österreichische Gesellschaft, skurril, intelligent und mit großem Sprachwitz. Der Wiener Tiefkühlkostvertreter Franz Schlicht soll einem makabren Wunsch nachkommen. Sein Kunde Doktor Schauer ist fest entschlossen, sich zum Sterben in eine Tiefkühltruhe zu legen. Er beauftragt Franz Schlicht, den gefrorenen Körper auf eine Lichtung zu verfrachten. Zum vereinbarten Zeitpunkt ist die Tiefkühltruhe jedoch leer, und Schlicht begibt sich auf eine höchst ungewöhnliche Suche nach der gefrorenen Leiche.

Ferdinand Schmalz ist ein österreichischer Dramatiker, Prosaist und Theaterwissenschaftler. Am Schauspielhaus Wien und Schauspielhaus Düsseldorf war er als Regieassistent tätig. Er ist Mitglied im freien Kollektiv "mulde_17" und Mitbegründer des Festivals "Plötzlichkeiten", das erstmals 2012 im Theater im Bahnhof Graz stattfand. Für das Schauspielhaus Graz, Schauspiel Leipzig und das Schauspielhaus Zürich entstanden Auftragswerke. Ferdinand Schmalz lebt in Wien.

Ronja von Rönne: Ende in Sicht

Hella, 69, will sterben. In der Schweiz, in einem Krankenhaus. Also macht sie sich auf den Weg. Diese letzte Fahrt wird ihr alter Passat schon noch schaffen. Doch kaum auf der Autobahn, fällt etwas Schweres neben ihren Wagen. Juli, 15, wollte sich von der Autobahnbrücke in den Tod stürzen. Jetzt ist sie nur leicht verletzt – und steigt zu Hella ins Auto. Zwei Frauen mit dem Wunsch zu sterben – doch wollen sie zusammen noch, was ihnen einzeln als letzte Möglichkeit erschien? Tieftraurig, elegant und lakonisch erzählt Ronja von Rönne von zwei Frauen, denen der Tod als letzter Ausweg erscheint: ein unvorhersehbares, dramatisches, unangemessen komisches Lesevergnügen.

Ronja von Rönne, 1992 in Berlin geboren, lebt in Berlin und Grassau. Sie ist Bloggerin, Schriftstellerin, Journalistin und Moderatorin.

 

»Wenn Ronja von Rönne mal wieder sterben will, ruft sie entweder mich an – oder schreibt ein großartiges Buch. Jetzt habe ich schon länger nichts von ihr gehört.« Benjamin von Stuckrad-Barre

 

»Das wollte ich doch sagen, Benjamin!« Martin Suter 

Torsten Schulz: Öl und Bienen

Den Männern in der Familie Wutzner liegt das Aufspüren von Erdöl in den Genen. Dumm nur, dass das sprudelnde schwarze Gold jedes Mal wieder versiegt, wenn man es aus dem Boden holen will. Inzwischen ist man in der Realität angekommen und Lothar Ihm, dem letzten Nachfahren der Wutznerschen Dynastie, bleibt nichts Besseres übrig, als mit seinen DDR-Kumpanen Blutblase und Krücke im hauseigenen Garten dem Bier zuzusprechen und zu der aus dem Westen eingeschmuggelten Musik ausdrucksvoll mit dem Kopf zu nicken. Bis dann eines Tages ein Schwarm Frauen anrückt und Schluss ist mit der friedlichen männlichen Existenz zwischen Alkohol und Rockmusik. Ein herrlich skurriler DDR-Roman über die Beharrlichkeit von alten und neuen Mythen.
Torsten Schulz geboren 1959, ist Autor preisgekrönter Spielfilme, Regisseur von Dokumentarfilmen und Professor für Dramaturgie an der Filmhochschule Babelsberg. Sein Debütroman "Boxhagener Platz" wurde in mehrere Sprachen übersetzt und fürs Kino verfilmt. Torsten Schulz lebt in Berlin.

MDR Kultur sendet "Öl und Bienen" ab 19.9. als Hörbuch in 12 Folgen vollständig gelesen von Peter Kurth.

Katerina Poladjan: Zukunftsmusik

Moderation: Wieland Koch

Katerina Poladjan erzählt die Geschichte eines Aufbruchs: In der sibirischen Weite, tausende Werst östlich von Moskau, leben in einer Kommunalka auf engstem Raum Großmutter, Mutter, Tochter und Enkelin unter dem bröckelnden Putz einer vergangenen Zeit. Es ist der 11. März 1985, Beginn einer Zeitenwende, von der noch niemand etwas ahnt. Alle gehen ihrem Alltag nach. Der Ingenieur von nebenan versucht, sein Leben in Kästchen zu sortieren, Warwara hilft einem Kind auf die Welt, Maria träumt von der Liebe, Janka will am Abend in der Küche singen. "Zukunftsmusik" ist ein Roman über vier Leben am Wendepunkt, über eine untergegangene Welt, die bis heute nachwirkt.

Katerina Poladjan wurde 1971 in Moskau geboren und lebt seit 1979 in Deutschland. Auf ihr Prosadebüt „In einer Nacht, woanders“ folgte „Vielleicht Marseille“ und der literarische Reisebericht »Hinter Sibirien«. 2019 erschien ihr dritter Roman »Hier sind Löwen«.  Der Roman „Zukunftsmusik“ stand auf der Shortlist für den Preis der Leipziger Buchmesse 2022.

 

Jaroslav Rudiš: Gebrauchsanweisung fürs Zugreisen

Moderation: Mario Osterland

Es sind die Bahnstrecken, die Europa zusammenhalten. Das weiß auch Jaroslav Rudiš, der als „Eisenbahnmensch“ seine Zeit am liebsten im Zug verbringt. Leidenschaftlich berichtet er davon, wie er vor seinem Waggonfenster zwischen Felsen und Bäumen zum ersten Mal die Adria erblickt, wie er mit der Schmalspurbahn die Wälder im Harz erkundet und wie er in vierzig Stunden auf so vielen Verbindungen wie möglich durch ganz Deutschland fährt. Dabei sammelt er Geschichten: im Speisewagen, Schlafwagen und Großraumwagen; in den Bahnhofskneipen in Böhmen und in den Cafébars italienischer Stationen.

Jaroslav Rudiš, geboren 1972 in Turnov/Turnau im Böhmischen Paradies, studierte in Liberec/Reichenberg, Prag und Zürich Germanistik, Geschichte und Journalistik. Er lebt als freier Autor in Berlin und Lomnice nad Popelkou/Lomnitz an der Popelka. Sein Werk umfasst mehrere Romane und Bühnenstücke und wurde mit zahlreichen Literaturpreisen und Ehrungen gewürdigt. 2021 erhielt er das Bundesverdienstkreuz für Verdienste bei der Aussöhnung des tschechischen und deutschen Volkes. Zuletzt erschienen von ihm u.a. „Winterbergs letzte Reise“ (2019) und „Gebrauchsanweisung fürs Zugreisen“ (2021).

Thomas Kunst: Zandschower Klinken

Bengt Claasen sitzt im Auto, sein ganzes Hab und Gut im Kofferraum. Vor sich, auf dem Armaturenbrett, liegt das Halsband seiner verstorbenen Hündin. Dort, wo es herunterfällt, will er anhalten und ein neues Leben beginnen. Er landet schließlich in Zandschow – einem Nest im äußersten Norden mit einem Feuerlöschteich im Zentrum. Schnell stellt er fest: Die Bewohner des Orts rund um »Getränke-Wolf« folgen einem strengen Wochenplan, donnerstags werden zum Beispiel zwanzig Plastikschwäne auf dem Teich ausgesetzt, und sie feiern an ihrer »Lagune« Festspiele unter künstlichen Palmen. Der 2021 für den Deutschen Buchpreis nominierte Roman erzählt mit unbändiger Fantasie und viel Witz von einer solidarischen Gemeinschaft, die sich am eigenen Schopf aus der Misere zieht – trotzig und stur, frei und eigensinnig. Er entwirft eine Utopie in unserer globalisierten Gegenwart und findet für sie eine Sprache von bezwingender Musikalität.

Thomas Kunst, geboren 1965 in Stralsund, lebt und arbeitet in Leipzig. Er veröffentlicht Gedichte und Romane sowie Hörbücher, für die er mehrfach ausgezeichnet wurde, unter anderem mit dem Lyrikpreis Meran 2014. Für einen Auszug aus Zandschower Klinken erhielt er den Niederösterreich Literaturpreis 2018.

Franzobel: Die Eroberung Amerikas

In seinem neuesten Roman – nominiert für den Deutschen Buchpreis 2021 - begibt sich der Autor auf die Spuren eines wilden Eroberers der USA im Jahr 1538. Ferdinand Desoto hatte Pizarro nach Peru begleitet, dem Inkakönig Schach und Spanisch beigebracht, dessen Schwester geschwängert und mit dem Sklavenhandel ein Vermögen gemacht. Er war bereits berühmt, als er 1538 eine große Expedition nach Florida startete, die eine einzige Spur der Verwüstung durch den Süden Amerikas zog. Knapp 500 Jahre später klagt ein New Yorker Anwalt im Namen aller indigenen Stämme auf Rückgabe der gesamten USA an die Ureinwohner. Franzobels neuer Roman ist ein Feuerwerk des Einfallsreichtums und ein Gleichnis für die von Gier und Egoismus gesteuerte Gesellschaft, die von eitlen und unfähigen Führern in den Untergang gelenkt wird.

Franzobel, geboren 1967 in Vöcklabruck, erhielt u. a. den Ingeborg-Bachmann-Preis (1995), den Arthur-Schnitzler-Preis (2002) und den Nicolas-Born-Preis (2017). Bei Zsolnay erschienen zuletzt die Krimis Wiener Wunder (2014), Groschens Grab (2015) und Rechtswalzer (2019) sowie 2017 der Roman Das Floß der Medusa, für den er auf der Shortlist für den Deutschen Buchpreis stand und mit dem Bayerischen Buchpreis ausgezeichnet wurde.

Ingo Schulze: Der Amerikaner, der den Kolumbus zuerst entdeckte…

Literatur und Kunst können Perspektiven verändern, der Vereinzelung entgegenwirken und dem lähmenden "Weiter so" widersprechen. Zu unterschiedlichsten Anlässen reflektiert Ingo Schulze die glückhaften wie auch die problematischen Erfahrungen von 1989/90, die unsere Welt bis heute prägen. Er beleuchtet die Konsequenzen der zunehmenden Polarisierung und Radikalisierung in allen Bereichen. Er besteht auf dem Vorrang des Gemeinwohls und einer gerechten Weltinnenpolitik. Der vorliegende Band versammelt zentrale Texte dieses kritischen und selbstkritischen Denkens.

Ingo Schulze wurde 1962 in Dresden geboren, studierte klassische Philologie an der Friedrich-Schiller-Universität und war als Dramaturg am Landestheater Altenburg, dann in einer Zeitungsredaktion tätig. Diese Arbeit führte ihn 1993 für ein halbes Jahr nach Sankt Petersburg. Seither lebt er als freier Autor in Berlin. Er wurde u.a. mit dem Joseph-Breitbach-Preis, dem Preis der Leipziger Buchmesse, dem Preis der Literaturhäuser und dem Kunstpreis der Landeshauptstadt Dresden ausgezeichnet. 2020 erhielt Ingo Schulze das Bundesverdienstkreuz für sein Engagement als politischer Autor und Künstler. Seine Bücher wurden mit internationalen Preisen ausgezeichnet und erscheinen in 30 Sprachen.

Katja Lange-Müller: Sneak Preview zum neuen Roman

Ole wächst bei seiner Oma Elvira und der mittellosen, in sich selbst verliebten Ida auf, die Elvira in ihr Haus aufnimmt, auch weil sie Hilfe mit dem heftig pubertierenden, geistig behinderten Ole braucht. Eines Tages stürzt Elvira die Treppe hinab und bricht sich das Genick. Ist sie gefallen? Hat Ole sie gestoßen? Die Kripo ermittelt, kommt jedoch zu keinem eindeutigen Urteil. Prompt steht Oles leibliche Mutter Manuela, die Erbin des Häuschens, auf dem Plan. Ida bangt um ihr neues Zuhause. Sie umschmeichelt Manuela, beide betrinken sich und stellen am nächsten Morgen fest, dass Ole verschwunden ist. Die „Hinterbliebenen“ jammern und rufen die Polizei, aber heimlich hoffen sie, dass „der arme Ole“ für immer verschwunden bleibt.

Katja Lange-Müller wurde 1951 in Ostberlin geboren, lernte Schriftsetzerin, arbeitete als Hilfspflegerin auf psychiatrischen Stationen, lebte ein Jahr in der Mongolei und verließ 1984 die DDR. Ihr literarisches Werk umfasst Erzählungen und Romane und wurde mit zahlreichen Literaturpreisen und Ehrungen gewürdigt, u.a. mit dem Ingeborg-Bachmann-Preis, den Alfred-Döblin-Preis, den Kasseler Literaturpreis für grotesken Humor und dem Wilhelm-Raabe-Preis. Sie lebt in Berlin und in der Schweiz.

Martin Beyer: Tante Helene und das Buch der Kreise

Antonia Hausmann (Posaune)

Moderation: Stefan Petermann

Tante Helene ist Künstlerin, Freigeist und Tochter einer Mutter, die sie nach der Geburt zur Adoption freigab, um der gesellschaftlichen und familiären Ächtung zu entgehen. Doch erst als sie Anfang der 1960er-Jahre ihren Freund Harald heiratet, erfährt Helene von ihrer adeligen Abstammung. Sie muss nicht nur mit dem Gefühl, ihr ganzes Leben lang belogen worden zu sein, zurechtkommen, sondern auch mit einer Familiengeschichte, die konträr zu all dem steht, wofür sie als junge Frau kämpft. Eine Generation später reist Alexander, Sohn der Halbschwester Helenes, von New York nach Frankfurt, um das verstoßene Kind der Familie endlich näher kennenzulernen.

Martin Beyer, geboren 1976, ist promovierter Germanist und arbeitet als freier Autor und Dozent für Kreatives Schreiben. 2009 erschien sein Debütroman „Alle Wasser laufen ins Meer“. Er erhielt den Walter-Kempowski-Literaturpreis, den Kultur-Förderpreis der Stadt Bamberg und war Finalist beim Bachmannwettbewerb. Antonia Hausmann legte 2022 mit Teleidoscope ihr Debüt als Bandleaderin und Komponistin vor, gehört außerdem zur Band Karl die Große und begleitete Clueso auf mehreren Tourneen. Weiterhin ist sie auf Alben von Cafe Jazz, Lotte, Jan Roth und Katharina Franck zu hören.

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